Der Corona-Ausbruch in einer Fischfabrik in Herzegowina erinnert an den „Fall Tönnies“. Hier wie dort steht dahinter die extreme Lohnungleichheit in Europa.

Die Kleinstadt Stolac in der östlichen Herzegowina entwickelte sich Ende Juni 2020 zu einem Hotspot der neu entfachten Welle von Corona-Infektionen in Bosnien-Herzegowina: ((Ich danke Edvin Pezo (IOS) für diesen Hinweis.)) 32 von 120 Beschäftigten einer in Stolac angesiedelten Fischkonservenfabrik wurden zum 28. Juni positiv auf Covid-19 getestet ((http://ba.n1info.com/Vijesti/a443758/Pogorsana-epidemioloska-situacija-na-podrucju-istocne-Hercegovine.html)) – damit war der Anteil der Infizierten etwa so hoch wie beim deutschen Fleischbetrieb Tönnies, der wegen der Arbeits- und Wohnbedingungen für seine zumeist aus Rumänien, Bulgarien, Polen und anderen (süd-)osteuropäischen Ländern stammenden Arbeiter unrühmliche Schlagzeilen machte. Die bosnische Tageszeitung Oslobođenje bezeichnete die Firma in Stolac als den „größten Infektionscluster“ in der Herzegowina. ((https://www.oslobodjenje.ba/vijesti/bih/ovo-je-tvornica-ribe-u-stocu-trenutno-najveci-klaster-u-hercegovini-568391))

Die von der kroatischen Firma Žuvela in Stolac betriebene Konservenfabrik reicht in ihrer Dimension bei Weitem nicht an die Schlachthöfe von Tönnies heran – aber die Bedingungen, die eine Infektion am Arbeitsplatz begünstigen, sind ähnlich: Arbeitskräfte stehen dicht an dicht, alles muss schnell gehen, gegen den Maschinenlärm muss man anschreien (und damit Tröpfchen verbreiten), die niedrigen Temperaturen scheinen die Überlebensdauer des Virus zu verlängern. Zudem kommt mehr als die Hälfte der Belegschaft aus drei Ortschaften, so dass es wahrscheinlich auch jenseits des Arbeitsplatzes Kontakt zwischen den Beschäftigten gab. Die lokalen Behörden befürchten nun eine regionale Weiterverbreitung des Virus über den Kreis der Arbeiter*innen hinaus. Ursprünglich soll eine Arbeiterin aus der Republika Srpska das Virus in die Fabrik eingeschleppt haben.

Einst Musterbeispiel, jetzt Hotspot

Doch wie kommt eigentlich eine Fischkonservenfabrik, die dann zu einem Ansteckungshort des Coronavirus werden konnte, nach Stolac? Immerhin liegt das ca. 14.000 Einwohner zählende Städtchen nicht am Meer – bis zur Küste sind es mehr als 30 Kilometer, und auf dem Weg von dort müssen die Sardinen eine Staatsgrenze überwinden, nämlich jene zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Fischkonservenfabriken im Inland sind zwar nicht ungewöhnlich – man denke etwa an die tschechische Firma Gaston, die im mährischen Zlín Fischkonserven unter dem Markennamen „Franz Josef Kaiser“ herstellt; aber in Bosnien-Herzegowina gibt es keine entsprechende Tradition, so auch nicht in Stolac. Erst 2007 wurde die dortige Fabrik, die vor allem Sardinen und Makrelen verarbeitet, eröffnet. Immerhin, ihre Eigentümerin Žuvela sitzt tatsächlich am Meer: auf der kroatischen Insel Hvar. ((https://www.stolac.co/stolac/stolac-vijesti/17336-stolacki-presedan-obrada-morske-ribe-a-more-kilometrima-daleko))

Die Kleinstadt Stolac. Bild: Marijan via Wikimedia Commons / Public Domain

Bis zum Corona-Ausbruch in der Fabrik galt diese als Musterbeispiel für Wirtschaftsentwicklung in einer Region, wo die Menschen ansonsten wenige Beschäftigungsmöglichkeiten finden – weshalb viele von dort, wie aus Bosnien-Herzegowina insgesamt, auswandern. Die Fischkonservenfabrik begann mit 50 Beschäftigten, 2016 waren es 60, und heute sind es rund 120. Der Großteil der Produktion geht in den Export, aber auch in Bosnien-Herzegowina erfreuen sich die Konserven wachsender Beliebtheit. Der Bürgermeister von Stolac lobte in einem Interview die Investition und merkte an, dass seine Stadt nur leben könne, „wenn die Leute in Stolac Arbeit finden“. ((https://www.bljesak.info/lifestyle/putujte-s-nama/stolac-pozitivan-primjer-poslovanja-u-bih/153993))

Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Mutterfirma nicht deshalb in Stolac Sardinen und Makrelen in Dosen verpacken lässt, weil ihr die Entwicklung der Kleinstadt so am Herzen lag, sondern aufgrund der Unterstützung der öffentlichen Hand für Betriebsneugründungen und wegen eines Reservoirs billiger Arbeitskräfte vor Ort. Zumal der nicht weit von Kroatien und dem nächsten Autobahnanschluss entfernt liegt, und die Leute in Stolac dieselbe Sprache wie die Eigentümer sprechen.

Geringer Lohn, schwere Arbeit

Der Fall Stolac ist nicht der einzige, in dem ein Unternehmen seine Fischkonservenproduktion – eigentlich die emblematische Küstenindustrie – vom Meer ins Hinterland verlegt hat. Vor einigen Jahren machte die Verlagerung der Maschinen aus einer Konservenfabrik auf der kroatischen Insel Vis ins serbische Niš, weit weg von jeglicher Küste, Schlagzeilen. ((https://www.jutarnji.hr/globus/biznis/najopseznija-industrijska-seoba-u-novijoj-hrvatskoj-povijesti-kako-su-poduzeca-za-proizvodnju-ribljih-delicija-osvojila-dalmatinsku-zagoru-5173888)) Auch die Firma Dalmaris verlagerte ihre Konservenproduktion aus der slowenischen Stadt Izola, wo sich der Firmensitz befindet, in den Karst, nach Pivka. Standorte wie Stolac und Pivka bieten den Vorteil, dass sie noch relativ nah am Meer liegen, weshalb dort neben tiefgefrorenem Fisch auch frischer verarbeitet werden kann. Gleichzeitig – und das ist der der Hauptgrund für die Verlagerung – finden sich in den Küstenregionen, die vom Tourismus gut leben, immer weniger Frauen und Männer, die bereit sind, für geringe Löhne die alles andere als angenehme Arbeit in der Fischverarbeitung zu übernehmen (wobei hier v. a. an Frauen zu denken ist, denn weltweit stellen sie das Gros der Beschäftgten in den Fischkonservenfabriken).

Die Mirna-Konservenfabrik in der istrischen Stadt Rovinj, zum Beispiel, tat sich vor wenigen Jahren extrem schwer, Arbeitskräfte für eine zweite Schicht zu finden: Vor Ort war niemand bereit, sich für den gebotenen Lohn die Konservenarbeit anzutun; der Tourismus und die damit zusammenhängen Dienstleistungen sowie die Möglichkeit, Privatzimmer zu vermieten, boten ausreichend und angenehmere Beschäftigungsmöglichkeiten, gerade für Frauen. Also startete die Firma Rekrutierungskampagnen in den verarmten, durch Deindustrialisierung und die Folgen des Krieges gekennzeichneten Regionen im Osten Kroatiens (Ostslawonien) sowie in Bosnien-Herzegowina. Ohne solch billige Arbeitskraft wären die Sardinenkonservenfabriken an der Adria gegenüber Ländern mit noch geringeren Lohnkosten (wie Marokko) nicht konkurrenzfähig, zumindest nicht, solange Kunden nicht bereit sind, mehr Geld für dieses Produkt auszugeben.

Ob Fischkonserven oder Billigschnitzel – die industrielle Verarbeitung von Fleisch und Fisch ist arbeitsintensiv und nutzt häufig billige Lohnarbeit. Oder aus der Perspektive der Konsument*innen: Sie können Fleisch oder eben auch Fischkonserven so günstig erwerben, weil einer der wichtigsten Produktionsfaktoren – die menschliche Arbeit, die in dieses Produkte einfließt – so schlecht bezahlt und behandelt wird (dass dem nicht so sein muss, zeigen Beispiele aus Italien, aber dafür müssen Konsument*innen auch bereit sein, etwas mehr für Lebensmittel zu bezahlen, die dafür auch besser schmecken). ((https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fleischindustrie-corona-italien-1.4955943))

Aber wer ist in Europa bereit, solch schlecht bezahlte, zumal unangenehme und auch schon vor Corona gefährliche Arbeit zu leisten, weil er oder sie keine Alternativen hat? Es sind gerade in Deutschland Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem östlichen und südöstlichen Europa, des ökonomisch marginalisierten Teils des Kontinents (und in Südeuropa oftmals Migrant*innen aus Afrika). Entweder kommen sie zu den Orten, wo ihre Arbeit gefragt ist – etwa in Schlachthöfen, auf Spargel- und Erdbeerfeldern, auf Baustellen oder im Pflegewesen in Deutschland. Oder, wenn dies billiger ist, kommt die Arbeit zu ihnen – wie im Fall der Fischfabrik in Stolac als einem kleinen, aber bezeichnenden Beispiel. Wobei im Falle der Schlachthöfe ohnehin fraglich ist, ob man wirklich von „Migration“ sprechen kann, beruht ihr Geschäftsmodell ja wesentlich darauf, dass die Arbeiter*innen nicht Teil des hiesigen Sozialsystems und Arbeitsrechts werden, sondern quasi als Einpersonen-Exklaven fungieren und damit noch leichter ausgebeutet werden können.

Die Covid-19-Pandemie legt die Ungleichheiten im vermeintlich zusammenwachsenden Europa schonungslos offen, und eben nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch in den einzelnen Gesellschaften. Personen, die ohnehin schon geringere Teilhabechancen haben, wie Migrant*innen, sind nun auch noch mit einem höheren Ansteckungsrisiko konfrontiert, da das Säubern einer Sardine oder das Zerlegen eines Schweines sich nicht über ZOOM erledigen lässt.


Bild: „Sardines“ (image cropped) von Ian Ransley Design + Illustration / CC BY 2.0